Ich kann es nicht länger leugnen – es hat mich ganz schön erwischt. Meine Widerstandskraft hat sich abgenutzt, und ich spüre immer stärker die Lasten der aktuellen Situation.

Eins ist mir besonders aufgefallen: ich falle in alte Verhaltensweisen zurück, die ich längst überwunden glaubte. Im Klartext: ich ringe wieder mit depressiven Tendenzen und pendle beständig zwischen Resignation und Wut. Meine Mitte – dort, wo ich handlungsfähig bin und klar denke – finde ich kaum noch dieser Tage.

Dabei zeige nicht nur ich Zeichen einer Regression. (Regresssion bezeichnet die vorübergehende Rückentwicklung in alte, aber als sicher erlebte und erprobte Strukturen.) Auch in meinem Umfeld sehe ich es überall.

Konformität, Gruppendruck, Angst

Was mir am meisten zusetzt und meine alten Traumen gefährlich triggert, ist die wiedergekehrte Mischung aus Konformität, Gruppendruck und Angst. Und um diesen Gruppendruck zu erzeugen, bedienen sich viele ebenselber altbekannter Muster: der Beschämung und der Lächerlichkeit.

Auch die Verschiebung bzw. Neudefinition allgemein akzeptierter Werte erlebe ich hautnah und mit wachsendem Unbehagen. Anstatt endlich breitflächigere Durchbrüche zu erleben, geschieht mein persönlicher Alptraum: kollektive Regression in unsere übelsten Scham- und Angststrukturen. Herzlichen Glückwunsch.

Biologie

Das können wir einander noch nicht einmal zum Vorwurf machen. Ich merke in den letzten Monaten ja selbst, wie viel Biologie in mir steckt. Der Kopf fühlt sich bedroht? Der Körper reagiert. Und das in einer Heftigkeit, die ich auch mit diversen Traumamethoden kaum noch zu regulieren weiß.

Noch etwas anderes habe ich bemerkt: ich ziehe mich immer stärker zurück. Ich habe alte Masken wieder aufgesetzt. Ich fühle mich massiv bedroht. Schamtrauma.

Dabei habe ich überrascht festgestellt, dass ich weit weniger Angst vor dem Virus als vor Machtmissbrauch habe. Genauer gesagt, es sind die empfundenen Grenzverletzungen, die Bedrohung meiner Integrität, die mich paralysieren und manchmal nahezu handlungsunfähig machen. Ich fürchte blinden Aktionismus. Ich fürchte Macht. Und ich erlebe sie aktuell als so übermächtig, so entfesselt, dass ich mir kaum mehr vorstellen kann zu kämpfen.

Bleibt die Flucht. Wirklich?

Bleibt der Totstellreflex.

Willkommen in alten Geschichten

Hilflose Wut. Gestern schrieb eine Freundin auf Facebook noch darüber.

Was, wenn nicht sie, schreit uns “Trauma” ins Gesicht? Was, wenn nicht sie, wäre ein untrügliches Zeichen für das, was wir gerade kollektiv erleben?

Jemand schrieb in einem Artikel, wir würden die Probleme aktuell nicht lösen, sondern die Lasten auf die Zukunft verschieben. Denke Neuverschuldung. Denke Kollateralschäden. Denke Massentraumatisierung.

Wir machen uns noch gar kein Bild von diesen Folgekosten. Physisch wie ideell.

Abgestürzt

Ein guter Freund von mir ist dermaßen abgestürzt, dass ihn nur noch seine Tochter am Leben hält. Zwei weitere seiner Freunde haben Selbstmord begangen. Stand Covid auf ihrem Totenschein? Oder Einsamkeit?

Was mich am meisten erschreckt: ich kann es verstehen. Ich kenne diesen hoffnungslosen Platz. Wo der einzige Weg, die Wut zu kanalisieren, die Selbstdestruktion zu sein scheint.

Und ich frage mich erneut, welche Rolle ich noch habe in dieser Zeit. Welche Rolle ich noch spielen möchte. Oder kann.

Eingestellt

Mein Mann hat bis auf weiteres seine Therapiestunden eingestellt. Weil nichts mehr vorwärts zu gehen scheint. Auch meine Therapeutin bietet bis auf weiteres kein EMDR mehr an, weil es ihr zu riskant geworden ist. Wir sind alle mit Überleben beschäftigt. Auf uns selbst zurückgeworfen.

Was bleibt mir, Positives zu sagen? Die Notwendigkeit der Heilung hat uns nicht verlassen. Sie ist dringender denn je geworden. Ich wünschte, dass noch mehr Menschen die Folgeschäden erkennen, die bisher weitgehend unerkannt bleiben.

Am eigenen Leib

Ich habe Trauma am eigenen Leibe erfahren. Ich spüre, wann es seine Hand nach mir ausstreckt. Wenn mein Körper gefriert. Ich verbringe inzwischen viele Nachmittage in Dissozation. Am Bildschirm. Bis ich es merke und schaffe, mich loszueisen.

Aber es ist harte Arbeit. Es kostet Kraft.

Wir haben unserer Biologie nur eins entgegenzusetzen. Unser Bewusstsein. Darin liegt meines Erachtens die wahre Heilung.

Mehr zum Leben

Wir sollten trotz aller Angst, trotz aller berechtiger Vorsicht niemals aus den Augen verlieren, dass wir mehr zum Leben brauchen als einen Bildschirm und etwas Warmes zu essen.

Es gibt Leben, und es gibt Überleben.

Das mag überzogen klingen, wenn wir uns zum Vergleich die Kriegsgräben unserer Vorfahren vorstellen. An dem gemessen geht es uns noch gut.

Aber wir sollten nicht vergessen, dass wir ihre Erfahrungen in unseren Genen tragen und dass dieses Erbe gerade massiv aktiviert wird. Nicht umsonst gab es Hamsterkäufe.

Zum Gespräch zurückkehren

Anstatt die Kritischen zu beschämen und zu stigmatisieren, schlage ich vor, der Angst für einen Moment ihre Macht zu nehmen und zum Gespräch zurückzukehren. Auch wenn vieles irrational und überzogen wirkt (und das ist es tatsächlich, gerade weil Trauma am Werk ist) – dahinter stehen echte, legitime Bedürfnisse. Die gilt es zu hören.

Jeder Schatten holt uns irgendwann ein. Wir betrachten ihn besser früher als später.