Bedürfnisse spielen im Zusammenhang mit Scham eine zentrale Rolle. Nicht erfüllte oder unerfüllbar scheinende Bedürfnisse können uns zu Rückzug veranlassen, und deren dauerhafte Nichterfüllung bewirkt chronische Scham. Wie schwierig es ist, aus diesem Rückzug wieder hervorzukommen, davon kann ich ein Lied singen.

Sind wir von chronischer Scham betroffen, haben wir gelernt, unsere Bedürfnisse als Gefahrenquelle für Beschämung zu begreifen. Wollen wir etwas, das unerreichbar erscheint, so kommen wir wahrscheinlich irgendwann zu dem Entschluss, dass es besser ist, diese Bedürfnisse gar nicht erst zu haben.

Trugschluss mit Folgen

Dass dies ein Trugschluss ist, ja sein muss, ist jedem Außenstehenden sofort klar. Denn Bedürfnisse haben ihren Grund, und abstellen können wir sie nicht. Was wir aber tun können, ist zu leugnen, dass wir etwas brauchen. Oder noch einfacher: wir hören einfach auf zu spüren, dass wir ein Bedürfnis haben.

Vergessen, dass wir etwas brauchen

Um in der Sprache der Gestalttherapie zu sprechen: Wir können zu verschiedenen Zeitpunkten den Kontakt zu unserem Bedürfnis unterbrechen. Zum einen können wir verhindern, dass wir handeln und z.B. eine spontan ausgestreckte Hand wieder zurückziehen. Wir können aber schon viel früher verhindern, dass uns ein Bedürfnis gefährlich wird. Und das bedeutet, zu “vergessen”, dass wir überhaupt etwas fühlen.

Begegnen wir solch einem Menschen (oder sind wir selbst zu einem solchen geworden), so wird dieser in vollem Brustton der Überzeugung behaupten, dass es ihm gut gehe. Dass er “nichts” oder “niemanden” brauche und dass er ganz alleine zurecht komme.

Wir sind soziale Wesen

Doch eigentlich kommt niemand auf Dauer alleine zurecht. Wir sind soziale Wesen. Wir sind essentiell aufeinander angewiesen. Und wir haben Bedürfnisse. Jeder von uns.

Wir wollen berührt werden. Wir wollen Austausch und Begegnung. Wir wollen lieben und geliebt werden. Wir wollen Anerkennung.

Haben wir unsere Bedürfnisse jedoch erst einmal hinter einer Schammaske vergraben, kann es schwierig bis unmöglich sein, diese noch erfüllt zu bekommen. Denn fatalerweise werden wir beginnen, auch Dinge, die wir haben könnten, abzuweisen. Denn: wir brauchen ja nichts.

Doch das ist eine glatte Lüge. Ich selbst habe viele Jahre gebraucht, um diesem Selbstbetrug auf die Schliche zu kommen. Doch allmählich kamen ein paar zaghafte Wünsche zurück an die Oberfläche. Aber wie schwer war es, diese auszusprechen!

Angst vor Zurückweisung

Schamangst ist immer auch eine Angst vor Zurückweisung. Zu oft haben wir die Erfahrung gemacht, dass wir mit einem Bedürfnis “nicht landen” konnten. Rüdiger Dahlke hat für diese verdrängten Bedürfnisse einen sehr passenden Begriff gefunden. Unseren Schatten.

Unser Schatten sind unsere unterrepräsentierten Seiten. Und das Gegenteil dessen, was wir oft lautstark propagieren.

Ich habe es immer gehasst, von anderen abhängig zu sein und um etwas bitten oder fragen zu müssen. Stattdessen habe ich meine ach so große Unabhängigkeit vor mir hergetragen. Doch eigentlich habe ich mich danach gesehnt, abhängig sein zu dürfen. Dependency need nennen die Engländer das. Im Deutschen gibt es dafür bezeichnenderweise keine Worte.

Stark sein wollen

Das gleiche könnte ich über das Starksein sagen. Ich habe mich immer als starke Frau verstanden. Und die bin ich auch, das weiß ich. Aber der Schatten dieser starken Frau kommt erst in letzter Zeit an die Oberfläche. Meine schwache Seite. Mein Bedürfnis, mich einfach einmal anzulehnen. Nichts leisten und nichts tragen zu müssen. Noch immer ist es mir unangenehm, diese Dinge zuzugeben. Und je mehr Ablehnung ich befürchte, desto zögerlicher bin ich, sie jemandem zu enthüllen.

Wenn nur noch Flucht bleibt

Auch in einer mir wichtigen Freundschaft habe ich diese Dynamik noch vor ein paar Tagen erlebt. Wir haben gegenseitig an solch verletzlichen Themen gerührt, unsere Sehnsüchte und Wünsche wurden so schonungslos sichtbar, dass uns nur noch ein Kontaktabbruch zu retten schien.

Und so verschanzen wir uns gerade in unseren scheinbar sicheren Gräben und wollen nicht mehr, dass der andere uns sieht – in unserer Verletzung und Verletzlichkeit. Weil das, was wir wollen, so gänzlich unannehm- oder unerreichbar scheint. Und zugleich ist diese immer lauter werdende Stimme in mir, die diese albernen Spielchen einfach beenden will. Doch als ich die Hand auszustrecken versuchte, wurde sie ausgeschlagen. Die Verwundung (oder Scham) war (noch) zu groß.

Verwundbarkeit

Ich finde es schwer, verwundbar zu sein. Und mit einer Schamgeschichte bin ich nicht nur verwundbar, sondern auch tief verwundet. Wenn dann noch Gefühle im Spiel sind, weil jemand besonders wichtig für uns ist, kann es manchmal fast unerträglich werden.

Doch ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, wie verbindend es ist, meine Verwundbarkeit zu offenbaren und zu sagen: “Eigentlich wünsche ich mir gerade das.”

Die Versuchung ist groß, stattdessen mit Angriff zu reagieren. Auch ich konnte mir das in besagtem Streit leider nicht verkneifen. Das Ergebnis sehe ich nun vor mir. Ist es das, was ich wollte?

Bedürfnis nach Versöhnung

Nein. Mein Bedürfnis ist, mich zu versöhnen. Missverständnisse oder Konflikte aus der Welt zu schaffen. Ehrlich miteinander zu sein. Doch das setzt Vertrauen voraus. Vertrauen, das uns nicht immer in die Wiege gelegt wurde.

Ich finde, es lohnt sich, das Risiko immer wieder einzugehen. Schritt für Schritt und wohlüberlegt. Denn nicht bei jedem ist es angemessen, unser Herz auszuschütten. Aber es gibt diese Menschen. Und die sind und bleiben unbezahlbar.