Dieser Artikel wird ein ungewöhnlich persönlicher – und wahrscheinlich ein sogar relativ langer. Mir ist bewusst, dass ich mit den Dingen, die ich zu erzählen gedenke, vorgreife und dass ich die vielen Zwischenschritte, die mich zu dieser Erkenntnis gebracht haben, zu einem späteren Zeitpunkt nachliefern möchte. Wenn Sie also nicht alles nachvollziehen können, was ich schreibe, so sehen Sie es mir bitte nach. Doch ich halte es für so entscheidend, diesen persönlichen Durchbruch zu dokumentieren, dass ich etwaige Fragezeichen in Kauf nehme. Nehmen Sie mit, was Sie mitnehmen können oder wollen. Und wenn es Zuversicht ist. Denn eines sage ich Ihnen heute, aus der Tiefe meines innersten, mächtigsten, heiligsten Wissens: Heilung ist möglich. Und lassen Sie sich von niemandem etwas anderes erzählen!

Manchmal sind es die heftigsten Rückschläge, die uns am weitesten nach vorne katapultieren. Denn sie sind so extrem schmerzhaft, dass sie uns an die tiefsten Stellen unserer selbst führen. Ich selbst bin die letzte Woche durch eine solche Transformation gegangen. Und dass ich in so kurzer Zeit in der Lage war, aus den schwärzesten Schwärzen, in denen Verzweiflung und Mutlosigkeit mich regelrecht zu verschlingen drohten, wieder aufzustehen und über mich hinauszuwachsen, zeigt mir, wieviel Widerstandskraft ich in den letzten Jahre aufgebaut habe. Widerstandskraft, die ich verloren hatte.

Das ist unser tiefster, innerster, intaktester Kern. Dort liegt unsere tiefste Kraft.

Durchschnittlich deutsche Mittelstandsfamilie

Doch lassen Sie mich vielleicht etwas weiter vorne beginnen. Die Geschichte beginnt Anfang der siebziger Jahre, als ein kleines, blauäugiges Mädchen als vorerst einzige Tochter in eine durchschnittlich deutsche Mittelstandsfamilie geboren wird. Ihre Eltern sind Kriegskinder. Beide. Und haben als Kinder eine Flucht erlebt.

Alles sieht toll aus, das Mädchen wächst und gedeiht (wie man so schön sagt), und alle Zeichen stehen danach, als ob sie ein erfülltes, glückliches und “erfolgreiches” Leben führten könnte.

Doch über die Jahre bekommt das schöne Bild immer mehr Risse. Das Mädchen ist zwar sehr erfolgreich und tut, was man von ihm verlangt, aber in ihrem Inneren klafft immer stärker diese gähnende Leere. Was soll das Ganze? Wozu bin ich überhaupt hier? Werde ich je meinen Platz im Leben finden? Werde ich je glücklich und erfüllt sein? Soll das alles gewesen sein?!

Ihr Traum scheint einfach zu verrückt. Sie möchte Bücher schreiben und davon leben. Doch mit der Zeit verliert sie jede Hoffnung, dass das überhaupt möglich sei. Mach etwas Vernünftiges, heißt es. Da stirbt etwas in dem Mädchen. Ein Funken verlischt, und jeder Lebenssinn scheint ihr zwischen den Finger zu zerrinnen. Was, wenn nicht das, was ihr Herz wirklich begehrt? Was, wenn nicht das, wofür sie doch gekommen ist?

Mit 19 ist ihr erster Tiefpunkt erreicht. Sie macht keine konkreten Anstalten, ihr Leben zu beenden, aber sie sehnt sich nach Erlösung. Erlösung von diesem tiefen, schier unerträglichen Schmerz. Von dem Schmerz, sich von sich selbst abgeschnitten zu haben. Von dem Schmerz, sich selbst verloren zu haben, aufgegeben zu haben.

Das, was bleibt, ist eine lebende Hülle. Eine Hülle, die funktioniert. Ziemlich gut funktioniert. Die tut, was man von ihr erwartet.

Erwartungen

Doch im Erwachsenenleben will und will es einfach nicht klappen. Studium und Job sind eine reine Qual. Sie zwingt sich zum Aufstehen. Sie zwingt sich zum Weitermachen. Bis sie einfach nicht mehr kann. Sie schmeißt die Brocken hin. Und macht zum ersten Mal etwas, was ihr entspricht. Sie beginnt, bei einem Journalisten zu jobben.

Doch diese glückliche Zeit findet leider aus finanziellen Gründen ein Ende, und sie rutscht zurück in die alte, zutiefst verhasste Tretmühle. Von irgendwas muss man ja leben, oder?

Es dauert weitere Jahre, bis sich die junge Frau entscheidet, noch einmal einen neuen Schritt zu wagen. Sie entdeckt für sich die Gestalttherapie und absolviert eine Ausbildung. Und diese Entscheidung soll sich als Wendepunkt herausstellen.

Lücken füllen

Denn die Gestalt beginnt, die Lücken zu füllen, die sich in ihr aufgetan hatten. Das ist ja das Fatale an der Scham: sie zerlöchert uns über die Jahre wie ein altes Sieb.

Die Gestalt lehrt sie, wieder zu fühlen, wo sie nicht mehr fühlen wollte. Sie lernt, sich wieder wahrzunehmen und weint viele, viele, viele Tränen.

Doch die eigentliche Tiefe ihrer Wunden entdeckt sie erst, als sie eine eigene Familie gründet. Dort erlebt sie mit Entsetzen, wie sie trotz langjähriger Therapieausbildung in ihrer eigenen Familie tiefe, zutiefst toxische Familienmuster wiederholt. Und sie erkennt, wie tief sie durchdrungen ist von den Schäden ihrer Vorväter.

Dies ist der Zeitpunkt, an dem sie wirklich begreift, was es heißt, sich zu schämen. Wo sie das unsichtbare Ausmaß der Scham begreift. Aber sie begreift nicht nur ihre eigene Scham, sondern sie erkennt auch die Scham der Menschheit. Und sie ist zutiefst erschrocken. Was für eine unfassbare Epidemie!

Und nun entfaltet sich eine ihrer Eigenschaften, die sie auf seltsame Weise all die Jahre am Leben gehalten hat. Eine Eigenschaft, die sie mitgebracht hat und die niemals zerstört werden konnte. Eine Eigenschaft aus ihrem tiefsten Inneren. Ein unglaublicher Eigensinn. Hartnäckigkeit. Und eine fast eiserne Unbeirrbarkeit. Sie will heilen! Also gräbt sie weiter. Und wird fündig. Immer mehr.

Scham. Trauma. Kriegstrauma. Transgenerative Weitergabe. Epigenetik. Bingo!

Zittern als Rettung

Doch mit theoretischem Wissen allein (so essentiell es auch war!) ließ sich diesem gigantischen Problem nicht beikommen. Und so fügte es sich, dass die junge Frau noch etwas anderes wiederfand: das Vertrauen in ihren Körper. Sie lernte, dass ihr Körper ihr unmissverständlich den Weg zeigt, wenn sie ihm nur glaubt. Und sie entdeckte, dass Zittern Traumen lösen kann. Mittels Zittern wurde sie fähig, durch Angst und Panikattacken regelrecht hindurch zu diffundieren und Altes, Toxisches abzuschütteln.

Und nun kommen wir zurück zum heutigen Tag.

Heute habe ich etwas endlich begriffen. Begriffen. Gespürt. Körperlich und emotional verstanden. Ich habe begriffen, was mir seit Monaten spürbar in den Knochen sitzt. Genauer gesagt in ein paar Brustwirbeln. Bereits seit Monaten hatte ich mit diverser Körperarbeit versucht, diese Blockaden zu lösen. Doch wann immer sich dort etwas löste (und es löste sich eine ganze Menge!), schien wie von Zauberhand neue blockierende Energie nachzurutschen. Rumms. Kurze Erleichterung, und schon war die Blockade wieder da. Was für ein Trümmerhaufen!

Auch jetzt, in diesem Moment spüre ich sie wieder, direkt an der Wirbelsäule zwischen meinen Schulterblättern.

Ich weiß, was dort sitzt

Doch seit heute weiß ich, was dort sitzt. Und das heißt, ich kenne auch den Weg, um es zu entfernen.

An dieser Körperstelle, zwischen Herz und Mund, sitzen all meine jemals erzwungenen JAs, die ich in diesem (und vielleicht sogar weiteren) Leben ausgesprochen habe. Oder anders gesagt: dort sitzen all meine NEINs, die ich mir je verkniffen, nicht gestattet, die ich zurückgehalten habe. All meine NEINs, die erforderlich gewesen wären, um meine Grenzen intakt zu halten.

Heute habe ich entschieden, meine Macht zurückzufordern.

Ich lag auf meinem Bett, brachte wie so oft meinen Körper ins Zittern und spürte einfach. Und dann strömte alles aus mir heraus. Das Wissen. Die Klarheit. Die Gewissheit. Die unbestechliche Unmissverständlichkeit.

DIESER. KÖRPER. GEHÖRT. MIR.

Und ich begann die Worte zu sprechen. Laute und sehr energische Worte. Und ich MEINTE, was ich sagte.

DU. VERSCHWINDEST. JETZT. AUS. MEINEM. SYSTEM. (Und damit meinte ich jeden einzelnen Missbrauch, jeden Übergriff, jede Beschämung, jegliches Gift. Jegliche Menschen, die mir nicht gut getan haben und gut tun.)

DIESER. KÖRPER. GEHÖRT. MIR.

UND. WAGE. NICHT. JE. ZURÜCKZUKOMMEN!

Dann schrie ich ein (gedankliches) NEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEIIN in den Himmel, so lange, wie mein Atem reichte. (Gedanklich nur, um die Nachbarn nicht zu Tode zu ängstigen – mein Fenster stand offen. Aber ich weiß, dass auch das noch wird geschehen müssen. Der echte, rohe, animalische, der hörbare Schrei. Der Schrei, der mich zu mir selbst zurückbringt.)

Diese tausend–, ja millionenfachen NEINs müssen raus! Sie blockieren meine Energie. Sie machen mich krank. Sie sitzen seit Jahrzehnten in meinem Körper fest.

Und eines kann ich Ihnen sagen: die Stimme zu erheben und mein Geburtsrecht wieder einzufordern – mein ureigenes Recht, mich zu schützen – hat mir meine Kraft und Zuversicht wieder gegeben.

Damit ist nicht jede meiner zahlreichen Wunden verheilt. Aber eine ganz entscheidende hat begonnen, endlich zu heilen. Denn ich habe mich entschlossen, die offenen Scheunentoren, über die ich all die Jahre energetisch ausgeblutet bin, mit einem Donnerschlag zu schließen.

NEIN!

Und wenn mich meine Lebenserfahrung nicht täuscht, werden Sie, lieber Leser, vermutlich die Wucht meiner Worte spüren. Denn ich LEBE, ich VERKÖRPERE wieder meine Macht. Ich habe mich heute selbst ermächtigt.

UND WAGE NICHT, JEMALS WIEDERZUKOMMEN!

Wenn das keine Grenze ist, dann weiß ich es nicht. Probieren Sie es aus! Es könnte Wunder wirken.