Februar 2019

Trauern

2019-02-11T16:14:53+02:00Scham|

Auf dem Weg der Schamheilung durchlaufen wir – wie bei allen Krisen – verschiedene Phasen. Trauer und Schmerz sind hierbei wichtige Stationen. Schamheilung hat auch mit Abschiednehmen zu tun. Es bedeutet, Vertrautes zu verlieren. Immer, wenn wir uns weiterbewegen, lassen wir auch Dinge oder Menschen hinter uns zurück. Menschen, die uns etwas bedeuten. Träume, die wir hatten. Hoffnungen, unerfüllte Sehnsüchte. Zu trauern bedeutet, bereits einige Schritte auf dem Weg der Heilung gegangen zu sein. Es bedeutet, dass wir den Schock, die Angst, Leugnung, Wut und den Rückzug weitgehend überwunden haben. (Weitgehend deshalb, weil wir auch in bereits Durchlebtes zurückfallen können). Trauer ist der Beginn oder besser gesagt die Vorbereitung auf neue Aktivitäten. Die Tränen sorgen dafür, die lang aufrechterhaltene Schockstarre im Körper aufzuweichen. Auszuspülen. Das Gift darf gehen. Endlich. Tränen bedeuten auch, dass ich bereit bin, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Das schmerzt. Sehr sogar. Doch nach der oft [...]

Januar 2019

Angst vor der Selbstliebe

2019-01-13T14:37:21+02:00Scham|

Schamheilung ist wie ein sehr langer Heimweg. Unterwegs kannst du das Gefühl entwickeln, nie anzukommen. Du hast schon so viele Kurven genommen, so viele Umwege gemacht, dass du manchmal drohst, auf halbem Weg verloren zu gehen. Und es ist wie verhext: Jedesmal, wenn du sicher bist, um die letzte Ecke zu biegen, kannst darauf wetten, dass sich ein neues Hindernis auftut. So ist es auch mir kürzlich wieder ergangen. Wenn du so viel Zeit und Mühe in die eigene Heilung gesteckt hast, kommt irgendwann der Punkt, wo du die Nase gestrichen voll hast. Du willst endlich ein finales Resultat. Ein eindeutiges Ergebnis. Den Stempel (und Zustand!) "geheilt". Rate mal, wie gut das funktioniert. Richtig – gar nicht. Immer wieder, wenn ich ein interessantes Buch zum Thema lese, passiert das Gleiche. Vieles erkenne ich wieder, was ich bereits verstanden, gelöst und selbst entdeckt habe. Und dann kommt unweigerlich der Punkt, wo [...]

Dezember 2018

Lächerlichkeit und Wahrheit

2018-12-27T19:36:59+02:00Scham|

Es gibt wenige Dinge, die wir mehr fürchten als die Lächerlichkeit. Komödien bedienen sich dieser Angst mit großem Erfolg und zeigen uns noch fehlbarere Versionen unserer selbst. Dabei wohnt dem Humor eine große Heilkraft inne. Eine Heilkraft, die ich erst beginne zu erforschen. Seien wir mal ehrlich. Lächerlichkeit trifft die Größten von uns. Als Stephen Hawing zum ersten Mal seine bahnbrechenden Ideen präsentierte, standen – jedenfalls, wenn man dem Film glaubt – reihenweise Koriphäen auf und verließen den Saal. Lächerlichkeit hat herzlich wenig mit Wahrheit zu tun. Oder genau genommen sogar sehr viel. Etwas oder jemanden lächerlich zu machen, ist eine Strategie, um sich die Wahrheit vom Hals zu halten. Unser ureigenes Genie Damit will ich nicht sagen, dass wir alle das Genie eines Stephen Hawking haben. Aber wir haben unser ganz ureigenes Genie. Ich kannte eine schwer geistig behinderte Frau, die hervorragend malen konnte. Einen Schulkameraden, der uns alle [...]

Bedürfnisse eingestehen

2018-12-20T21:56:34+02:00Scham|

Bedürfnisse spielen im Zusammenhang mit Scham eine zentrale Rolle. Nicht erfüllte oder unerfüllbar scheinende Bedürfnisse können uns zu Rückzug veranlassen, und deren dauerhafte Nichterfüllung bewirkt chronische Scham. Wie schwierig es ist, aus diesem Rückzug wieder hervorzukommen, davon kann ich ein Lied singen. Sind wir von chronischer Scham betroffen, haben wir gelernt, unsere Bedürfnisse als Gefahrenquelle für Beschämung zu begreifen. Wollen wir etwas, das unerreichbar erscheint, so kommen wir wahrscheinlich irgendwann zu dem Entschluss, dass es besser ist, diese Bedürfnisse gar nicht erst zu haben. Trugschluss mit Folgen Dass dies ein Trugschluss ist, ja sein muss, ist jedem Außenstehenden sofort klar. Denn Bedürfnisse haben ihren Grund, und abstellen können wir sie nicht. Was wir aber tun können, ist zu leugnen, dass wir etwas brauchen. Oder noch einfacher: wir hören einfach auf zu spüren, dass wir ein Bedürfnis haben. Vergessen, dass wir etwas brauchen Um in der Sprache der Gestalttherapie zu sprechen: [...]

Wie Schamabwehr Beziehungen zerstört

2018-12-15T13:48:35+02:00Scham|

Das Schwierige an toxischer Scham ist, dass wir sie abwehren. Wir lassen Schamgefühle gar nicht erst ins Gewahrsam kommen, sondern delegieren sie sofort an andere. Wir werten andere ab, belächeln sie, greifen an, reagieren betont emotionslos, mit Überlegenheit oder Arroganz. All dies sind Strategien, um die eigene Beschämung nicht selbst zu spüren. Stattdessen fügen wir sie anderen zu. Anders gesagt: wir projizieren unsere Schamgefühle und die damit verbundenen Eigenschaften oder vermeintlichen Fehler auf andere. Toxische Scham braucht Sündenböcke. Mit Schamabwehr einher geht ein extremes Maß an Leugnung. Vielleicht kann man es nicht einmal Leugnung nennen, würde dies doch implizieren, dass wir etwas bewusst abstreiten. Nein. Schamabwehr geschieht so blitzschnell und so unbewusst, dass wir mit großem Erstaunen oder sogar Empörung reagieren, wenn andere uns auf unser Verhalten hinweisen. Ich wage sogar zu behaupten, dass neun von zehn Menschen nicht merken, dass sie ihre Scham delegieren. Vielleicht ist der Prozentsatz sogar [...]

Oktober 2018

Schambewusstsein und Kommunikation

2018-10-10T13:01:40+02:00Scham|

Ein Hauptgrund, warum uns Scham meist völlig unbewusst ist, ist die mangelnde Kommunikation über sie. Darin zeigt Scham ein typisches Merkmal eines Tabus. Doch Sprache und Bewusstsein sind eng verknüpft. Ohne Sprache bildet sich oft kein Bewusstsein. Sie dient uns gewissermaßen als Zwischeninstanz, als Spiegel. Daher manipulierten die Mächtigen in George Orwells Klassiker 1984 auch die Sprache. Präge die Sprache, und du leitest Bewusstsein. Daher trieb mir ein Gespräch mit meinem Sohn gestern Tränen in die Augen. Ich saß abends alleine im Wohnzimmer und las, die Kinder lagen bereits im Bett. Da kam mein Jüngster ganz schüchtern ins Zimmer und bedeutete mir, dass er etwas mit mir besprechen wollte. Er sagte mir, dass er sich "dafür schäme" (O-Ton), wenn er abends nochmal aufstehe und zu uns ins Zimmer komme. Denn er wisse, dass er das "nicht tun soll". Ich war sofort wieder hellwach. Und ich war gleichzeitig bestürzt und überglücklich. Negative [...]

Scham durch nicht erfüllte Bedürfnisse

2018-10-05T18:09:19+02:00Scham|

Dass Scham oft durch die Bewertung anderer ausgelöst wird, habe ich in mehreren Beiträgen beschrieben. Heute möchte ich auf einen anderen Auslöser von Scham eingehen: unerfüllte Bedürfnisse. Wie bereits erwähnt, wirkt Scham als Kontaktgefühl zu unserer Umwelt. Sie wacht als Torwächter darüber, ob wir uns öffnen und gefahrlos mit der Umwelt austauschen bzw. verbinden können oder ob wir uns besser "geschlossen" halten. Befinden wir uns in einem "unfreundlichen" Umfeld, so warnt uns unsere Scham, unsere inneren Tore besser nicht zu öffnen und die Befriedigung unserer Bedürfnisse besser an anderer Stelle zu versuchen. Unfreundliches Umfeld Schwierig ist es, wenn wir über lange Zeit an ein "unfreundliches" Umfeld gebunden sind, wie es in der Kindheit oftmals der Fall ist. Auch ein uns auslaugender Job, auf den wir finanziell aber angewiesen sind, kann ein solch "unfreundliches" Umfeld darstellen. Schwierig ist eine solche Situation deshalb, weil wir zwar die Warnsignale unseres Körpers empfangen, dass [...]

September 2018

Schamheilung? Wechsle die Perspektive!

2018-09-28T19:27:48+02:00Scham|

Schamheilung? Wechsle die Perspektive! Gestern habe ich den Vortrag einer sehr inspirierenden Heilerin besucht. Sie beschrieb, was ich schon lange erlebe: Heilung ist ein Prozess. Ein Weg. Das gleiche kann ich über meine Schamheilung sagen. Ich bin noch immer nicht "symptomfrei" (sofern das überhaupt möglich ist). Aber ich vollziehe immer häufiger, schneller und bewusster einen Perspektivwechsel. Doch wieso hat Perspektive eine so große Bedeutung, wenn es darum geht, Schamgefühle zu überwinden? Wieso sind zunehmende Perspektivwechsel ein Zeichen (oder eine Begleiterscheinung) von Heilung? Ich habe festgestellt, dass ich gerade extrem zwischen zwei Selbstkonzepten hin- und her springe. Da ist zum einen mein altes Selbst: fremdbestimmt, niedergedrückt. Das Ich, das sich klein, bedeutungslos, unwürdig, unkompetent und ungenügend fühlt. Wenn ich in dieses Selbstbild zurückrutsche, bemerke ich vor allem eines: meine Kraft verlässt mich. Und mein Mut. Ich fühle mich ent-mächtigt. Und da ist das zweite, das neue Selbstbild. Das sich über mehrere [...]

Kollektive Scham und Geschichte

2018-10-01T14:01:42+02:00Scham|

Niemand hat die verborgene Schamwunde der Deutschen so klar gesehen und beschrieben wie Stephan Marks. Seine beiden Bücher Scham, die tabuisierte Emotion und Warum folgten sie Hitler? haben mir unumkehrbar die Augen geöffnet. Noch immer tue ich mich schwer damit, das so umfassende Thema Scham in eine handliche, verdauliche Form zu packen. Denn schwer verdaulich ist das Ganze, noch immer. Auch für mich. Das hat etwas mit Angst vor Überflutung zu tun. Also mache ich kleine Schritte und wende ich mich einem Thema zu, das mir gerade täglich im Alltag begegnet. Die Scham für das, was gerade in Deutschland passiert. Die Scham für das, was im Rahmen unserer Demokratie wieder passiert, was viele von uns für nicht wiederholbar und schlicht undenkbar hielten. Doch Lektionen kehren wieder, bis wir sie begriffen und gemeistert haben. Und das scheint individuell wie kollektiv zu gelten. Diese haben wir bisher nicht gemeistert. Ja, mehr noch. Vielleicht [...]

Juni 2018

NEIN!

2018-06-25T12:20:40+02:00Scham|

NEIN! Dieser Artikel wird ein ungewöhnlich persönlicher – und wahrscheinlich ein sogar relativ langer. Mir ist bewusst, dass ich mit den Dingen, die ich zu erzählen gedenke, vorgreife und dass ich die vielen Zwischenschritte, die mich zu dieser Erkenntnis gebracht haben, zu einem späteren Zeitpunkt nachliefern möchte. Wenn Sie also nicht alles nachvollziehen können, was ich schreibe, so sehen Sie es mir bitte nach. Doch ich halte es für so entscheidend, diesen persönlichen Durchbruch zu dokumentieren, dass ich etwaige Fragezeichen in Kauf nehme. Nehmen Sie mit, was Sie mitnehmen können oder wollen. Und wenn es Zuversicht ist. Denn eines sage ich Ihnen heute, aus der Tiefe meines innersten, mächtigsten, heiligsten Wissens: Heilung ist möglich. Und lassen Sie sich von niemandem etwas anderes erzählen! Manchmal sind es die heftigsten Rückschläge, die uns am weitesten nach vorne katapultieren. Denn sie sind so extrem schmerzhaft, dass sie uns an die tiefsten Stellen unserer [...]