Ich ziehe selten vom Leder. Aber gerade ist mir danach. Ich habe eine weitere Absage von einem Therapeuten bekommen, und das fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht.

Wie ich an anderer Stelle schon angedeutet habe, zieht sich die Scham durch ganze Familien. Wenn auch du von toxischer Scham betroffen bist, verwette ich meinen Allerwertesten darauf, dass du mitten in einem Schamnest sitzt.

Als Familie versuchen wir seit Jahren, angemessene therapeutische Hilfe zu finden. Über die Jahre habe ich zahlreiche Therapeuten kontaktiert, und die Ausbeute war ernüchternd. Manche hatten den Terminkalender voll. Andere trauten sich nicht zu, uns “alleine” zu betreuen. Eine Therapeutin ward trotz offen stehender Rechnung nach dem ersten Termin nicht mehr gesehen. Wieder andere sind nun offenbar der Meinung, dass mein Sohn zu jung sei, um online zu arbeiten (was bleibt momentan denn noch außer online?).

Absage

Als heute die neueste Absage ins Haus flatterte, habe ich es persönlich genommen. So richtig persönlich. Ich wende mich nicht wahllos an einen Therapeuten. Ich sehe ihn mir vorher genauestens an, und ich habe klare Vorstellungen davon, was wir suchen. (Was nicht heißt, dass ich auch blinde Flecken habe, aber ich habe verdammt noch mal therapeutisches Know-how!)

Und was mich am wütendsten macht: es war eine Empfehlung. Die Therapeutin meines Mannes hatte im Vorfeld mit ihrem Kollegen gesprochen. Sie hatte ausreichend Informationen über uns. Er hätte direkt nein sagen können. Stattdessen werde ich aufgefordert, mir einen Korb zu holen. Ich finde das unglaublich demütigend.

Wiederholte Erfahrungen

Und so wiederholen sich die alten Erfahrungen: Verlassensein, keine Hilfe finden. Das Gefühl, “zu viel” zu sein.

Warum? Weil unsere Welt noch immer überwiegend toxisch und unfähig ist, Scham zu begegnen. Geschweige denn sie zu heilen.

Da meldet sich dann diese gehässige Stimme in meinem Inneren, die sagt: aber du bietest ja selbst keine therapeutische Hilfe an. Bist du besser?

Nicht verfügbare Hilfe

Das, was mich wirklich erschüttert, ist das Ausmaß nicht verfügbarer Hilfe, der wir uns und  der sich Millionen Menschen gegenüber sehen. Sie alle schreien um Hilfe. Flüchtlinge. Kriegsopfer. Waisen. Traumatisierte.

Wer hilft ihnen? WER? Den meisten von uns steht selbst das Wasser bis zum Hals. Und sogar uns, die wir mit einer soliden Finanzbasis ausgestattet sind, laufen langsam die Kosten davon. Therapie droht unbezahlbar zu werden.

Die paar existierenden, ausgebildeten, fähigen Helfer stehen einer in sich selbst traumatisierenden FLUT an Bedarf gegenüber. Einem Bedarf, der im Augenblick eines Wimpernschlag erzeugt wird und dann ein Leben lang braucht, um zu heilen.

Schuldige?

Wer also sind die “Schuldigen”? Und selbst während ich dies schreibe, erinnere ich mich daran, dass die Suche nach einem Sündenbock Teil der Schamspirale ist.

Ich schäme mich für diese Zurückweisung. Ich.

Und ich schäme mich für meine Profession. Für meine eigenen Begrenztheiten. Aber auch für eine Profession, die in weiten Teilen kneift, wenn es ans Eingemachte geht. Die an eigenen ungeheilten Wunden und blinden Flecken scheitert. Die das Tabu fortsetzt, anstatt es zu brechen.

Ich sehe einen geliebten Menschen an den Langzeitfolgen ungeheilter Traumen zugrunde gehen. Andere stehen hilflos vor Covid-Toten.

Ob die anderen diese Scham auch bisweilen spüren, weil sie sich nicht fähig, gewappnet oder leistungsfähig genug fühlen, oder weil sie sich ihrerseits alleingelassen fühlen, kann ich nicht sagen. Überraschen würde es mich nicht.

Es wird Zeit, dass Scham ein Thema wird – auch und gerade unter Therapeuten!

Berg der Erfahrungen

Es sind diese Erfahrungen, die sich zu einem Berg auftürmen. Jeder Augenblick, in dem wir die Hände ausstrecken nach Hilfe, Zuwendung und Verständnis, und es uns versagt wird. Aus welchen Gründen auch immer.

Ich werde wieder und wieder auf den Pfad der Selbsthilfe zurückgeworfen. Manchmal glaube ich, es soll nicht sein. Manchmal glaube ich, wir sind aufgerufen, es aus eigener Kraft zu lösen.

Ich werde nicht zusehen, wie unsere Familie untergeht. Ich werde alles mir Mögliche tun, um diese Pest zu heilen. Mich macht jeder dieser Rückschläge nur noch entschlossener. Dafür nutze ich meine Wut.

Irgendeiner muss ja anfangen

Irgendeiner muss ja anfangen.

Es gibt ein paar an meiner Seite. Irgendwo da draußen.

Ich kenne euch nicht. Aber ich bin froh, dass ich nicht ganz alleine bin. Auch wenn es sich wieder und wieder so anfühlt.