Gestern habe ich den Vortrag einer sehr inspirierenden Heilerin besucht. Sie beschrieb, was ich schon lange erlebe: Heilung ist ein Prozess. Ein Weg. Das gleiche kann ich über meine Schamheilung sagen. Ich bin noch immer nicht “symptomfrei” (sofern das überhaupt möglich ist). Aber ich vollziehe immer häufiger, schneller und bewusster einen Perspektivwechsel.

Doch wieso hat Perspektive eine so große Bedeutung, wenn es darum geht, Schamgefühle zu überwinden? Wieso sind zunehmende Perspektivwechsel ein Zeichen (oder eine Begleiterscheinung) von Heilung?

Ich habe festgestellt, dass ich gerade extrem zwischen zwei Selbstkonzepten hin- und her springe. Da ist zum einen mein altes Selbst: fremdbestimmt, niedergedrückt. Das Ich, das sich klein, bedeutungslos, unwürdig, unkompetent und ungenügend fühlt. Wenn ich in dieses Selbstbild zurückrutsche, bemerke ich vor allem eines: meine Kraft verlässt mich. Und mein Mut. Ich fühle mich ent-mächtigt.

Und da ist das zweite, das neue Selbstbild. Das sich über mehrere Jahre zu formen begonnen hat. Schritt für Schritt, mit jeder neuen, positiven Erfahrung. Dieses Selbstbild fühlt sich ermächtigt an. Kraftvoll. Strahlend. Groß. Stolz. In diesem Zustand blicke ich der Welt forsch und unerschrocken in die Augen. Ich scheue nicht die Begegnung und die Konfrontation, weil ich um meinen eigenen Wert weiß.

Wohlgemerkt, ich rede nicht von künstlicher Selbstüberhöhung. Wir können uns einreden, alles mögliche zu können und decken damit möglicherweise doch nur unsere Unsicherheiten zu. Doch die Probe aufs Exempel, den “Beweis” bleiben wir schuldig.

Wenn wir aus unserer authentischen Kraft schöpfen, bleiben wir nichts schuldig. Wir handeln, im Einklang mit unserem Selbst. In diesem Zustand sind wir in der Lage, unsere Umwelt schöpferisch (um)zugestalten.

Dass ich noch nicht dauerhaft in diesem Zustand angekommen bin, zeigt mir, dass es noch einige Dinge für mich zu tun gibt. Aber: die Zeichen stehen nicht schlecht. Und: die Richtung stimmt!

Zwei Haltungen

Vereinfacht gesagt, gibt es zwei Haltungen, aus der wir Dinge betrachten können. Die positive (annehmende) und die negative (zurückweisende). Dies entspricht im Übrigen zwei der frühesten, elementarsten Tätigkeiten eines Säuglings. Er zieht Dinge entweder zu sich hin (“pull”), oder er schiebt sie von sich weg (“push”). Diese frühe Unterscheidungsfähigkeit sichert unserer Spezies das Überleben.

Nun weiß ich sehr wohl, dass unsere Welt nicht nur aus Schwarz und Weiß besteht. Zumal es auch noch eine neutrale Position gibt. Aber auf die kommen wir später zu sprechen.

Wir können Millionen Perspektiven einnehmen, und auf ihre Weise ist jede einzelne “wahr”. Entscheidend für mich jedoch war die Einsicht, dass ich immer eine Perspektive einnehme. Meine Wahrnehmung ist niemals “die” Wahrheit. Sie ist im besten Fall ein Teilausschnitt der Wahrheit.

Doch das bedeutet auch, dass wir Perspektiven – sowohl eigene als auch fremde – hinterfragen, probeweise verändern und sogar wechseln dürfen. Ja, sogar sollten. Niemand kennt “die” (alles umfassende) Wahrheit über uns. Nicht einmal wir selbst. Denn wir sind immer subjektiv.

Subjektivität

Die gute Nachricht ist, dass auch unsere Scham subjektiv ist. Und sie ist durch subjektive Einschätzung anderer entstanden. Das heißt, wir haben unsere Schamfärbungen erlernt. Welche gute Nachricht können wir daraus ableiten?

Wenn wir negative Urteile über uns erlernt und uns zu eigen gemacht haben, können wir sie auch wieder verlernen. Gerald Hüther, der bekannte Neurobiologe, wies darauf hin, dass unser Gehirn ein Leben lang flexibel und anpassungsfähig bleibt. In alle Ewigkeit verdammt sind wir nur, wenn wir glauben, dass wir es sind.

Glauben und Denken

Scham hat existenziell damit zu tun, was wir glauben. Und denken. Über uns und über andere.

Was, wenn wir unsere Überzeugungen hinterfragen und unterscheiden lernen können: zwischen Überzeugungen, die uns ermächtigen und solchen, die uns schwächen?

Eine meiner Lehrtherapeutinnen sagte einmal, eine therapeutische Intervention sei immer eine Unterschiedsbildung. Indem wir Fragen stellen, neue Erfahrungen riskieren, neue Strategien, Sicht- oder Verhaltensweisen ausprobieren, können wir Schritt für Schritt zu neuen, positiveren Ergebnissen kommen. Oder – um einen anderen therapeutischen Ausdruck zu verwenden – wir reframen* unsere Erfahrungen.

Was ich unterstreichen möchte: es ist nicht leicht, alte Scham abzulegen. Oder genauer gesagt muss ich sagen: aktuell glaube ich noch, dass es schwer ist. Vielleicht kann ich sogar diese Überzeugung irgendwann hinterfragen und ablegen. Vielleicht ist Schamheilung in Wirklichkeit ganz einfach …

Dann passiert etwas, was ich gerade im Kleinen skizziere: ich erwäge eine neue Sicht auf die Dinge. Und plötzlich entsteht Aufregung in mir. Das ist immer ein Zeichen dafür, dass etwas Signifikantes, Bedeutsames passiert. Und auf einmal fühle ich mich leicht!

Wenn Sie auf diese Seite gestoßen sind, so kennen Sie die Schattenseiten von Scham wahrscheinlich zur Genüge. Doch oft reicht schon ein Wechsel der Blickrichtung, um aus Scham etwas Besseres, Leichteres zu machen.

Oh Captain, my Captain!

Auch ich bin noch nicht am Ende meiner Wahrheit. Heilung ist immer ein Work in Progress.

Alles, was ich tun kann, ist Ihnen zu versichern: es funktioniert. Ich falle noch immer in alte Verhaltensweisen und Strukturen zurück, auch nach vielen Jahren der Therapie, der Ausbildung und der Selbsterforschung. Denn Umlernen braucht Zeit und Wiederholung. Aber das ist in Ordnung. Denn das Neue zeigt sich immer häufiger, und das fühlt sich berauschend an.

Fragen Sie doch einmal andere, was diese besonders an Ihnen mögen. Vielleicht werden Sie überrascht sein über deren Perspektive. Oder stellen Sie sich mal auf ein Höckerchen, wenn Sie in den Spiegel blicken. Sie werden sehen: auf einmal sind Sie größer.

Zugegeben: Manchmal müssen wir in diese neue Größe erst hineinwachsen. Aber es lohnt sich.

Reframing: engl. für “in einen neuen Rahmen setzen”