Heute morgen ist mir etwas sehr Wichtiges klar geworden. Und zwar geht es darum, wie Schambelastung sich zwischen Menschen bewegt („fließt“) und warum es in manchen Situationen so viel schwerer ist, ruhig zu bleiben als in anderen.

Und hier kommt das „Window of Tolerance“ ins Spiel. Gemeint ist der Toleranzbereich, den ein Mensch (oder eine Gruppe) hat, unangenehme Gefühle auszuhalten und trotzdem ruhig und verbunden zu bleiben.

Eine Bekannte von mir, deren Mann und zwei von drei Kindern mit Autismus diagnostiziert wurden, sagte kürzlich, sie sei eine bessere Mutter, wenn ihr Mann nicht dabei sei.

Warum?

Toleranzgrenzen

Mir ist heute aufgegangen, dass das mit den unterschiedlichen Toleranzgrenzen der beteiligten Personen zu tun hat. Ich selbst habe inzwischen eine relativ hohe Schamtoleranz. Es gibt immer noch Dinge, die meine Fähigkeit, verbunden zu bleiben, überschreiten und in mir Flucht oder Kampf auslösen. Aber ich bin inzwischen relativ gut darin, auch sehr unangenehme Gefühle auszuhalten.

Das ist eine Fähigkeit, die ich mir mühsam erarbeitet habe und die nicht von heute auf morgen entsteht. Was aber passiert, wenn ich in einer weniger scham-resilienten Umgebung versuche, z.B. meinen Sohn zu beruhigen?

Während meine eigene Geduld und Kapazität, seine Wut, Angst, Scham usw. auszuhalten, oft noch lange nicht erschöpft ist, springen andere Anwesende vorzeitig an. Das heißt, sie fühlen sich getriggert, überfordert oder finden das, was mein Sohn ausdrückt, so unbehaglich, dass sie in die Abwehr gehen. Und in dem Moment kippt die Situation – für alle.

Wie wirkt sich das auf meine Fähigkeit als Mutter aus, meinem Sohn bei der Selbstregulierung zu helfen? Es nimmt mir den Spielraum, den ich noch zur Verfügung gehabt hätte. Die Situation ist gekippt, und nun habe ich es nicht mehr nur mit einem dysregulierten Kind, sondern gleich mit mehreren dysregulierten Personen zu tun.

Traumamodus

Sobald einer der Beteiligten (vor allem unter den Erwachsenen) in den Traumamodus (Flight, Fight or Freeze) wechselt, wittern wir als Säugetiere Gefahr für die gesamte Gruppe. Der Zustand der Verbundenheit geht schlagartig verloren. Meist für alle Anwesenden. Und da nutzt mir dann auch meine Schamtoleranz nicht mehr viel, weil ich nun auch noch mit der Scham der anderen zu tun habe.

Ein fröhliches (oder vielmehr alles andere als fröhliches) Knallfroschkonzert nimmt seinen Anfang. Und am Ende habe auch ich irgendwann mein Window of Tolerance verlassen, weil zu viel Schamabwehr aktiv ist. Angriff, Gegenangriff. Rückzug. Unverständnis. Das ganze Spektrum.

Das fühlt sich an wie ein Eiertanz. Versuch mal ein Dutzend rohe Eier gleichzeitig ohne Schüssel oder Tablett in deinen Händen zu balancieren.

Da hilft nur noch Rückzug. Oder eine zweite schamtolerante Person.

Weniger ist mehr

Schamanfälle brauchen kein Publikum. Ganz im Gegenteil.

Jetzt, wo ich verstanden habe, warum ich mich in manchen Situationen schwerer tue als in anderen und inwiefern andere mir den Job erschweren statt erleichtern, kann ich bewusster wählen.

Die Anwesenheit stark schambelasteter Personen erschwert den Umgang mit toxischer Scham. Weil sie dank ihrer Trigger ihrerseits drohen, jederzeit den Zustand der Verbundenheit zu sprengen.

An dieser Stelle ist es wichtig, Abstand zu nehmen. Nicht grundsätzlich, aber mit Augenmaß.

Unterstützung in der Schamheilung ist deshalb so schwer zu finden (auch unter Therapeuten), weil ich noch nicht viele schamtolerante Personen getroffen habe. Einen von hundert, wenn es hochkommt. Die meisten von uns werden früher oder später von alten Wunden getriggert, und dann gehen der Reihe nach alle Knallfrösche hoch.

Schamheilung in Familien ist eine besonders herausfordernde Angelegenheit. Einfach weil die Querverbindungen so komplex sind. Eine einzige dysregulierte Person kann eine ganze Gruppe aus dem Gleichgewicht bringen.

Einen Menschen kann ich noch koregulieren. Das kriege ich inzwischen hin. Eine ganze Gruppe, die sich gegenseitig befeuert? Keine Chance.

Reduktion der Komplexitäten

Ich nehme aus dieser Erkenntnis die Erlaubnis mit, mich vorübergehend von Menschen zu entfernen, die selbst Gefahr laufen, aus der Balance zu gelangen und damit die Situation noch verschlimmern.

Scham ist ansteckend. Und wenn die geballte Scham der Gruppe auch mich irgendwann erfasst, ist keinem geholfen.

Also ziehe ich mich in eine Zweiersituation zurück, wo es keine Zuschauer gibt und wo es uns gelingt, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen.

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