Über das Verstummen

In den letzten Monaten erzählte mir eine Freundin mehrfach, dass sie in manchen Situationen mit ihrem Partner regelrecht verstummt. Mir passiert das auch bisweilen, und ich habe mich gefragt, was es damit auf sich hat. Aus meiner Sicht kommt in solchen Situationen unsere gesunde Scham zum Zuge. Scham ist ein regulierendes Gefühl. Es zeigt sich unter anderem, wenn wir spüren, dass unsere Bedürfnisse nicht erfüllt werden (können). Scham fungiert als Torwächter. Fühlen wir uns sicher und geliebt, öffnen wir unsere Tore weit und können es riskieren, verletzlich zu sein. Ist das Gegenteil der Teil, warnt uns die Scham vor Verletzung. Dieses Verstummen geht in der Regel mit einem Abbruch des Augenkontakts einher. Ich habe mich selbst beobachtet, wie ich dann den Kopf wegdrehe. Ich spüre in diesen Momenten meinen Schmerz oder meine Enttäuschung sehr deutlich, und diese ist dann so groß, dass ich nicht länger will, dass mein Gegenüber [...]

Vom Schmerz, nicht gesehen zu werden

Ich weiß nicht, wie es euch gerade so geht – aber für mich war die letzte Zeit wieder einmal intensiv. Das ist wohl immer der Fall, wenn jemand in unsere Kernwunde sticht. Für mich ist diese Kernwunde, nicht gesehen – und entsprechend auch nicht verstanden – zu werden. Mir ist schon länger klar, dass ein Aspekt unserer Scham-Epidemie Unterstellungen sind. Oder anders gesagt: Annahmen. Es nicht genug zu versuchen. Eine böse Absicht zu haben. Etwas absichtlich getan zu haben. Das schmerzt. Aber so richtig. Denn die wenigsten Menschen handeln aus böser Absicht. Ich bin überzeugt, dass wir alle in der Regel unser Bestes versuchen. So verkappt das auch manchmal daher kommen mag. Eines wird mir jedoch immer deutlicher: vertrauensvoller Austausch ist nur in einem Gefühl von Sicherheit möglich. Dort, wo ich damit rechne, kritisiert oder verurteilt zu werden, tue ich einen Teufel, Fehler oder Schwächen zuzugeben. Alles andere wäre Kamikaze. [...]