Ich weiß nicht, wie es euch gerade so geht – aber für mich war die letzte Zeit wieder einmal intensiv. Das ist wohl immer der Fall, wenn jemand in unsere Kernwunde sticht. Für mich ist diese Kernwunde, nicht gesehen – und entsprechend auch nicht verstanden – zu werden.

Mir ist schon länger klar, dass ein Aspekt unserer Scham-Epidemie Unterstellungen sind. Oder anders gesagt: Annahmen. Es nicht genug zu versuchen. Eine böse Absicht zu haben. Etwas absichtlich getan zu haben.

Das schmerzt. Aber so richtig. Denn die wenigsten Menschen handeln aus böser Absicht. Ich bin überzeugt, dass wir alle in der Regel unser Bestes versuchen. So verkappt das auch manchmal daher kommen mag.

Eines wird mir jedoch immer deutlicher: vertrauensvoller Austausch ist nur in einem Gefühl von Sicherheit möglich. Dort, wo ich damit rechne, kritisiert oder verurteilt zu werden, tue ich einen Teufel, Fehler oder Schwächen zuzugeben. Alles andere wäre Kamikaze.

Gesehen werden – auch mit unseren Schwächen

Dabei ist es so wohltuend, Schwächen eingestehen zu können. Wenn davon die Welt nicht untergeht. Wenn der andere sagt: Ja, kenne ich. Geht mir ähnlich. Oder einfach nur: Verstehe ich.

Und dann überlegt man sich, wie es anders gehen kann. Ohne Schuldzuweisungen oder Verurteilungen.

Wann immer das blame game (Schuldspiel) zutage tritt, kannst du deinen Kopf darauf wetten, es mit Scham zu tun zu haben.

Mein eigener Heilprozess hat sich als Zwiebel entpuppt. Es ist ein Weg zurück in die Verletzlichkeit. Doch wo kann ich es mir leisten, verletzlich zu sein? Und wo halte ich lieber meine Panzer aufrecht?

Mir ist klar geworden, dass ich gute Gründe hatte, mir Panzer zuzulegen. Und ohne melodramatisch sein zu wollen: ohne sie wäre ich zugrunde gegangen.

Wenn aus Unverständnis Abwertung wird

Ich habe kein Problem damit, wenn jemand etwas, was ich tue, nicht versteht. Sehr wohl ein Problem habe ich damit, wenn dieses Unverständnis zu Abwertung führt.

Doch wieso sollte das geschehen? Wieso sollte jemand zu Abwertung greifen, wenn er etwas nicht versteht?

Dreimal dürft Ihr raten. Genau. Wir haben es wieder einmal mit Schamabwehr zu tun.

Wenn jemandem unangenehm oder peinlich ist, dass er etwas nicht versteht, kann er dir einfach den schwarzen Peter zuschieben. Nicht er hat das Problem, sondern du.

So einfach ist Schamentsorgung.

Das Problem mit Beschämung

Die Schwierigkeit mit Beschämung ist – und diese Info habe ich mal aus einem Fachbuch gefischt –, dass es kein wirksames Mittel dagegen gibt. (Wenn du doch eins kennst, schreib mir bitte sofort eine Mail!)

Schuld können wir zurückweisen, mit Scham ist das schwieriger. Denn sie hat uns bereits getroffen und außer Gefecht gesetzt.

Das heißt, wir haben schon Möglichkeiten, Beschämung zu begegnen, z.B. indem wir es (im Nachhinein) benennen. Zugeben wird die andere Person dies in der Regel jedoch nicht. Sie beschämt dich ja, um nicht zu spüren, dass sie auch ein Problem hat. Wenn du sie dann genau damit konfrontierst, wird sie nicht dankbar hurra schreien.

Eines jedoch habe ich inzwischen begriffen: wir haben ein Recht, uns toxischen Situationen zu entziehen. Das ist durch Abhängigkeiten leider nicht immer möglich. Aber oft ist es das doch. Wir müssen uns nur trauen.

Für mich bedeutet das, mich nur noch mit Menschen zu umgeben, von denen ich mich gesehen und gewertschätzt fühle. Was nicht heißt, dass wir jederzeit einer Meinung sein müssen.

Doch wenn ich das Gefühl habe, dass mein Gegenüber nicht das Geringste von mir begriffen hat, ist es an der Zeit, die Reißleine zu ziehen. Denn dieser Mensch tut mir nicht gut.

Das schreibt sich so leicht, und doch ist damit – wenn man es zulassen kann – ein unglaublich tiefer Schmerz verbunden. Wie tief er ist, zeigt sich für mich darin, wie vergleichsweise spät er in meiner Heilung wieder an die Oberfläche getreten ist.

Sich komplett falsch fühlen

Ich habe begriffen, dass es Menschen gibt, die mir das Gefühl geben können, vollkommen falsch zu sein und auch alles falsch zu machen. Das ist ein kindliches Gefühl, na klar. Ein ungeheiltes kindliches Gefühl. Eines, das sich endlich traut, sich wieder zu zeigen.

Und das löst Stolz in mir aus. Wie cool ist das denn?!? Ich habe mich meinem inneren Kind genug zugewendet, habe ihm genug Vertrauen eingeflößt, dass es wieder wagt, sich mir zu zeigen.

Am Boden zerstört. Mit einem Gefühl bodenloser, sprachloser Verzweiflung. Und seine wiederkehrende Frage lautet: Wieso? Wieso nur kann ich mich nicht verständlich machen? Was ist falsch mit mir?

Ich kann dem Kind heute sagen: du hast alles Erdenkliche versucht. Entspann dich. Es gibt Menschen, die dich verstehen. An dir ist überhaupt nichts falsch.

Gar nichts.

Du hast Stärken und Schwächen wie jeder Mensch. Und du hast den Mut, dich (wieder) zu zeigen.

Sei stolz auf dich. Sei stolz auf deine Leistungen. Sei stolz auf deinen Mut. Du weißt, wie weit du gekommen bist.

Du musst niemandem etwas beweisen.

Wenn der Schmerz kommt

Und dann setzt der Schmerz ein. Der Schmerz über die Wahrheit. Darüber, es so lange und immer wieder versucht zu haben.

Ohne Erfolg.

Und plötzlich ist es ok. Lass den Schmerz da sein. Ihn nicht spüren zu wollen, hat dich Jahrzehnte lang von dir selbst ferngehalten. Jetzt ist es an der Zeit, dein Gefühl zurückzuerobern. Das bist du.

Du hast eine Grenze erreicht. Es ist nicht möglich. Wir Menschen habe alle unsere Begrenzungen.

Lass die Grenze Grenze sein, und such dir einen Weg aus der Sackgasse.

Dreh dich um

Verabschiede dich. Und wende dich ab. Ja, das darfst du. Die Grenze wird nicht verschwinden, bloß weil du vor ihr stehen bleibst.

Wende dich denen zu (oder finde sie!), die dir geben, was du brauchst.

Den anderen kannst du danken, dass sie es versucht haben.

Du kannst es aber auch sein lassen. Ganz wie du magst.