Heute morgen las ich einen Artikel, der sagte, es gebe keinen “grünen Himmel”. Unser Konsum-Müll verschwindet nicht einfach, sondern landet bei denen, die sich am wenigsten dagegen wehren können. Mit Scham funktioniert es ganz genauso.

Eines müssen wir uns klar machen, egal ob es um die Verdreckung unserer Erde oder um unsere Scham-Altlasten geht: wir können nicht länger so tun, als seien sie nicht da. Wir können nicht länger die Verantwortung anderen zuschieben. Jede Gruppe, ob klein oder groß, hat ihre Mülleimer für Scham. Das sind die schwarzen Schafe.

Warum ich mich so vehement, ja fast mit Wut, für die schwarzen Schafe einsetze? Weil es unfair ist, dass sie unseren Scheiß tragen müssen. Weil ich selbst weiß, wie es sich anfühlt, ein schwarzes Schaf zu sein.

Und ich erlebe diese Dynamik in meinem Umfeld  hautnah. Jeden Tag. Ich versuche aufzuklären. Ich versuche zu schützen. Ich versuche, die Dinge wieder an die richtige Stelle zu rücken. Dort, wo sie hingehören. Doch der Widerstand oder die Leugnung, denen ich begegne, ist enorm.

Keiner will sie haben

Wenn Kinder sich so verhalten, habe ich noch ein gewisses Verständnis dafür. Nun, eigentlich habe ich sogar für Erwachsene Verständnis, die ihre Scham nicht haben wollen. Doch wir wachsen nicht auf, um emotional in den Kinderschuhen stecken zu bleiben.

Es macht mich wütend zu sehen, wie wir uns auf unseren schwarzen Schafen ausruhen. Und uns einreden, alles sei in bester Ordnung. Weit gefehlt. Sehr weit gefehlt.

Scham trennt. Und Scham breitet sich aus. Sie wirkt ansteckend. Über Familiengrenzen hinaus, in Gesellschaften und Länder. Scham ist eine Epidemie, und kaum einer bemerkt sie. Sie vergiftet uns.

Entzweiung

Sie entzweit Brüder. Schon Kain ist an der Scham der Zurückweisung gescheitert. Er erschlug seinen Bruder Abel. Hatte der seine Zurückweisung veranlasst? Nein, das war Gott höchstpersönlich. Das können wir mal gerade auf die politische Landschaft übertragen.

Da kommt mir noch eine weitere Analogie in den Sinn. Scham hat viel mit Atommüll gemein. Sie strahlt und strahlt und will einfach nicht zerfallen, so gut wir sie auch abzukapseln versuchen. Sie verseucht, sie zersetzt, sie verbrennt uns. Uns alle. Die Strahlung macht nicht Halt vor einer Haustür.

Dort endet dann auch die Analogie. Denn Scham lässt sich entschärfen, im Unterschied zu radioaktivem Material.

Steht auf für die Schwachen

Lasst nicht zu, dass Ihr zum Täter werdet – oder Täter bleibt. Lasst nicht zu, dass euer Müll vor anderen Haustüren – oder noch schlimmer, in den Kellern anderer – landen. Steht auf für die Schwachen. Ich weiß, das ist ein großes Wort. Und ich schreibe es mit Schmerz, denn auch ich habe mein Tätersein nicht völlig überwunden. Verdrängung ist verführerisch.

Aber ich richte meine Aufmerksamkeit darauf. Immer wieder. Und ich bin entschlossen, die Dinge an den richtigen Platz zu rücken. Im Kleinen. Und hoffentlich auch irgendwann im Größeren.

Bis dahin ist noch ein Weg. Für uns alle. Seid dabei. Bitte.