Scham durch nicht erfüllte Bedürfnisse

Dass Scham oft durch die Bewertung anderer ausgelöst wird, habe ich in mehreren Beiträgen beschrieben. Heute möchte ich auf einen anderen Auslöser von Scham eingehen: unerfüllte Bedürfnisse. Wie bereits erwähnt, wirkt Scham als Kontaktgefühl zu unserer Umwelt. Sie wacht als Torwächter darüber, ob wir uns öffnen und gefahrlos mit der Umwelt austauschen bzw. verbinden können oder ob wir uns besser "geschlossen" halten. Befinden wir uns in einem "unfreundlichen" Umfeld, so warnt uns unsere Scham, unsere inneren Tore besser nicht zu öffnen und die Befriedigung unserer Bedürfnisse besser an anderer Stelle zu versuchen. Unfreundliches Umfeld Schwierig ist es, wenn wir über lange Zeit an ein "unfreundliches" Umfeld gebunden sind, wie es in der Kindheit oftmals der Fall ist. Auch ein uns auslaugender Job, auf den wir finanziell aber angewiesen sind, kann ein solch "unfreundliches" Umfeld darstellen. Schwierig ist eine solche Situation deshalb, weil wir zwar die Warnsignale unseres Körpers empfangen, dass [...]

Das wichtigste Gegenmittel gegen Scham

Über Scham gibt es viel zu sagen, zu verstehen und zu erfahren. Doch eine Erkenntnis verdient es besonders, geteilt zu werden. Denn sie hat sich als die Bedeutsamste von allen erwiesen.  Das beste und sicherste Gegenmittel gegen Scham ist Verbundenheit. Doch was genau ist damit gemeint? Und wie erreicht man sie? Scham fußt wesentlich darin, dass wir als soziale Wesen Angst vor Isolation und Ausgrenzung haben. Evolutionär war dies auch lebensbedrohlich. Und noch heute sind wir nur in der Gruppe überlebensfähig (von Ausnahmen vielleicht einmal abgesehen). Das heißt, Scham aktiviert vor allem eines in uns: Todesangst. Und wenn diese Angst darauf gerichtet ist, alleine nicht zurecht zu kommen, ist jede Form der Verbindung Scham mildernd. Denn sie besagt: Du bist nicht allein. Ich sehe, höre, verstehe, mag dich. Wir sind (mindestens) zu zweit. Psychologische Forschungen haben ergeben, dass sich die Widerstandskraft einer ausgegrenzten Person in einer Gruppe überproportional erhöht, sobald sich [...]

Inneres Erleben von Scham

Wenn jemand unseren persönlichen Raum verletzt, reagieren wir mit Scham. Wir fühlen uns bloßgestellt und den Blicken anderer hilflos ausgesetzt. Scham ist eng mit dem Gesichtssinn, d.h. mit dem Sehen und gesehen werden verbunden. Reagieren andere mit Abwertung, Kritik oder Zurückweisung, fühlen wir uns beschämt und bedroht. Schamreaktionen laufen körperlich und gedanklich ab, und sie sind extrem schmerzhaft. Wir reagieren in einer Schamsituation, wie wir auch auf ein existenziell bedrohliches, d.h. potenziell traumatisierendes Erlebnis reagieren.  In solch einer Situation bleibt uns nur noch, zu flüchten bzw. uns zu verbergen, anzugreifen oder uns tot zu stellen. Unser gesamter Organismus meldet höchste Alarmstufe. Das Erleben überfordert uns. Wir fühlen uns von der Situation regelrecht überrollt. Dadurch verlieren wir die Fähigkeit, "angemessen" oder „vernünftig“ zu reagieren. Wir büßen – zumindest vorübergehend – unsere Geistesgegenwart und Selbstkontrolle ein. Das liegt daran, dass eine sehr alte Hirnregion, das Reptiliengehirn, die Führung übernimmt. Scham in Worte zu fassen, ist kaum möglich. Zugleich kann es uns regelrecht die Sprache verschlagen. Wir [...]

Eigenschaften und Aufgaben der Scham

Eigenschaften und Aufgaben der Scham Scham ist wohl unser schmerzlichstes und zugleich „unsichtbarstes“ Gefühl. Sie entsteht, wenn unsere Intimsphäre verletzt wird, persönliche Dinge ungewollt sichtbar werden, wir negativ beurteilt werden oder wenn wir glauben, den Erwartungen anderer nicht zu entsprechen. Der altdeutsche Wortstamm scama  bedeutet „sich zudecken“. Wenn wir uns schämen, wollen wir uns verbergen, in Luft auflösen oder im Boden versinken. Wir ziehen uns zurück und versuchen, uns zu schützen. Scham ist ein soziales Gefühl, mit dessen Hilfe wir Regeln und Normen unserer Umgebung erlernen. Da Scham uns zeigt, ob wir bei einem bestimmten Verhalten mit Unterstützung oder Ablehnung rechnen können, beeinflusst sie maßgeblich unser Verhalten. Zudem fungiert Scham als Alarmsignal, wenn unser persönlicher oder intimer Raum verletzt wird. In dem Fall verschließen wir uns, um keine weiteren negativen Einflüsse in unser System zu lassen. Scham geht oft mit Angst oder Vorfreude einher. Wir erwarten oder vermuten, wie andere [...]