Das wichtigste Gegenmittel gegen Scham

Über Scham gibt es viel zu sagen, zu verstehen und zu erfahren. Und so bin ich bereits seit einigen Jahren dabei, meine Einsichten zur Schamheilung zu sammeln und in eine lesbare Form zu bringen. Doch eine Erkenntnis möchte ich bereits heute teilen, denn sie hat sich als die Bedeutsamste von allen erwiesen. 

Das beste und sicherste Gegenmittel gegen Scham ist Verbundenheit

Das beste und sicherste Gegenmittel gegen Scham ist Verbundenheit. Doch was genau ist damit gemeint? Und wie erreicht man sie?

Scham fußt wesentlich darin, dass wir als soziale Wesen Angst vor Isolation und Ausgrenzung haben. Evolutionär war dies auch lebensbedrohlich. Und noch heute sind wir nur in der Gruppe überlebensfähig (von Ausnahmen vielleicht einmal abgesehen).

Das heißt, Scham aktiviert vor allem eines in uns: Todesangst. Und wenn diese Angst darauf gerichtet ist, alleine nicht zurecht zu kommen, ist jede Form der Verbindung Scham mildernd. Denn sie besagt: Du bist nicht allein. Ich sehe, höre, verstehe, mag dich. Wir sind (mindestens) zu zweit. Psychologische Forschungen haben ergeben, dass sich die Widerstandskraft einer ausgegrenzten Person in einer Gruppe überproportional erhöht, sobald sich eine einzige (!) weitere Person auf ihre Seite stellt.

Diese Erkenntnis können wir* in zwei Richtungen nutzen. Sind Sie selbst von toxischer Scham betroffen, so nutzen Sie jede nur erdenkliche Möglichkeit, um Verbundenheit zu erzeugen – mit Menschen oder Dingen, die Ihnen gut tun! Ob das eine Gruppe Gleichgesinnter ist, ein freundliches Nicken im Vorbeigehen oder ein Buch, das Sie tröstet. Denn bedenken Sie: es wurde von einem Menschen geschrieben.

Wenn Sie so gelähmt von Schamangst sind, dass jeder menschliche Kontakt Sie zu überwältigen droht (wie z.B. bei einer Sozialphobie), versuchen Sie es in einem ersten Schritt mit Tieren – oder sehr kleinen Kindern. Tiere sind u.a. deshalb so beliebt, weil sie uns nicht bewerten. Für Kinder (bis ca. zwei Jahren) gilt das Gleiche. Diese sehen Sie noch ohne sozial belastete Vorurteile und Ideen an. Kinder und Tiere sind einfach – mit Ihnen, wenn Sie es gestatten. Und wahrscheinlich werden Sie sogar mit einem strahlenden Lächeln und leuchtenden Augen belohnt.

Es ist die Abwertung, die wir am meisten fürchten. Menschen, die uns nicht beurteilen und einfach sein lassen, tun uns gut. Es gibt sie. Auch wenn man manchmal etwas nach ihnen suchen muss.

Sind Sie andererseits in der Lage, Scham zu erkennen und zu einem gewissen Grad zu tolerieren und nehmen Sie Scham in anderen wahr: strecken Sie (symbolisch gesprochen) die Hand aus. Zeigen Sie demjenigen, dass er nicht allein ist. Allerdings kann es passieren, dass der andere nicht in der Lage ist, Ihre Geste zu würdigen. Vielleicht schlägt er sie sogar aus. Dann geschieht dies, weil er vielleicht nicht glauben kann, dass jemand ehrlich nett zu ihm ist.

Nehmen Sie es nicht persönlich! Und glauben Sie mir: ich habe lange in eskalierenden Schamspiralen gelebt, und ich habe die verheerenden Wirkungen kennen gelernt. Doch seitdem ich die Bedeutung des WIR verstanden habe, seitdem ich einen Schritt auf die andere(n) Person(en) zumache, einen verbindenden statt einen trennenden Kommentar mache, hat sich vieles verbessert. D.h. ich habe einen Weg gefunden, den Schamkreislauf zu durchbrechen.

Diese verbindenden Gesten können vielgestaltig sein. Es kann ein Eingeständnis sein. Dass Sie selbst einen Fehler gemacht haben oder ungerecht waren. Dass Sie den anderen mögen und schätzen – trotz Ihres Konfliktes. Dass Sie einen Weg zueinander suchen, anstatt sich zu trennen. Sie werden sehen: es kann Wunder wirken.

  • Sagen Sie Ja statt Nein
  • wenden Sie sich zu, nicht ab
  • öffnen Sie eine (ggf. kleine) Tür, statt eine zu schließen
  • seien Sie „warm“ statt „kalt“
  • sagen Sie „Wir“ statt „Du“
  • äußern oder finden Sie etwas Positives, statt zu kritisieren
  • und gestatten Sie sich und anderen, fehlbar und verletzlich zu sein

Anmerken muss ich vielleicht noch, dass diese Dinge nicht von heute auf morgen wirken und auch keine Berge versetzen können, wo jahrelang Dinge zu Bruch gegangen sind. Doch Sie werden eine Veränderung der Atmosphäre wahrnehmen. Misstrauische Wachsamkeit zu Beginn, aber schließlich wahrscheinlich Erleichterung oder sogar Dankbarkeit, oder auch ehrliche Wut (die dann ein Zeichen des Vertrauens ist), weil Sie eine Tür geöffnet haben.

Ich werde auf dieser Website noch mehr über Scham und meine Erkenntnisse schreiben. Aber seien Sie versichert: wenn Sie sich bewusst in Verbundenheit üben und eigene Wege finden, sie auszudrücken, werden Sie entdecken, dass Sie oder Ihr Gegenüber Trost finden, und schließlich (mehr) Zuversicht.

In diesem Sinne kann ich Ihnen nur sagen: Nicht aufgeben! Ich weiß, wie hart es ist, schambelastet zu sein. Aber es ist nicht aussichtslos. Je mehr wir gemeinsam unsere Scham umarmen, desto mehr Heilung wird geschehen.

Wie sagte jemand kürzlich so wunderbar?

„Was, wenn wir uns in unserem Schmerz gegenseitig halten würden?“

* Sehen Sie? Ich tue es auch. Ich schreibe von „wir“. Verbindung herzustellen ist gar nicht so schwer.

2018-03-07T20:27:08+00:00 Kategorien: Scham|